Wissenschaft gegen Faschismus - 7 Fragen an Prof. Gerhard Paulus

3. Juni 2026

In der Woche vom 01. bis 07. Juni 2026 sind deutsche Hochschulen im Rahmen der Initiative „Wissenschaft gegen Faschismus“ dazu aufgerufen, sich mit der  Verantwortung der Wissenschaft angesichts der wachsenden faschistischen Gefahr auseinanderzusetzen. Viele deutsche Hochschulen planen im Rahmen dieser Initiative spezielle Veranstaltungen wie Diskussionsrunden oder öffnen ihre regulären Seminare, um das Thema dort aufzugreifen. 
Um zu dieser Initiative beizutragen und zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen, hat unser MPSP Fellow Prof. Gerhard Paulus Antworten auf 7 Fragen zum Thema „Wie Nationalismus und verschärfte Migrationspolitik internationale Studierende verunsichern — und damit Forschung, Innovation und Hochtechnologie in Deutschland beeinflussen“ gegeben.

Prof. Dr. Gerhard Paulus ist Lehrstuhlinhaber der Experimentalphysik/Nichtlinearen Optik an der Friedrich-Schiller-universität Jena und zudem Mitglied des Direktoriums des Helmholtz-Instituts Jena. Im Rahmen der Initiative „Wissenschaft gegen Faschismus“ hat er 7 Fragen zum Thema „Wie Nationalismus und verschärfte Migrationspolitik internationale Studierende verunsichern — und damit Forschung, Innovation und Hochtechnologie in Deutschland beeinflussen“ beantwortet.

Herr Professor Paulus, wie stark ist Spitzenforschung, insbesondere in der Photonik, in Deutschland heute auf internationale Studierende und Wissenschaftler:innen angewiesen?

Die Photonik brauchen wir in dieser Frage gar nicht besonders von anderen High-tech-Feldern zu trennen. Ihre Frage würde ich mit einem Blick auf die amerikanische Wissenschaft beantworten: Bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nicht viel. Dann hat Deutschland seine Juden vertrieben, hauptsächlich in die USA, und nach dem 2. Weltkrieg strömten Wissenschaftler und Studenten aus allen Ecken der Welt dorthin. Innerhalb weniger Jahrzehnte sind die USA durch ihre Willkommenskultur zur Nummer 1 in der Wissenschaft geworden. Als ich Professor in Texas war, waren etwa die Hälfte meiner Kollegen keine gebürtigen Amerikaner.

Gibt es aus Ihrer Sicht Hinweise darauf, dass sich junge Talente in der Photonik aufgrund von nationalistischen Debatten und Forderungen nach einer strengerer Migrationspolitik gegen Deutschland entscheiden oder das Land wieder verlassen wollen?

Unser Glück diesbezüglich – nur diesbezüglich! – ist das Unglück der Welt, genauer, dass der Vormarsch nationalistischer, rassistischer und illiberaler Ideologien in vielen anderen Staaten schon weiter vorangeschritten ist als bei uns. Dies trifft insbesondere ausgerechnet auf die USA zu, das in der Vergangenheit attraktivstes Einwanderungsland für Talente jeden Alters. Wenn talentierte junge Leute aus Staaten mit eher schlechten Bildungschancen ein Gastland mit guten Universitäten suchen, ist Deutschland gerade heute eine sehr gute Wahl.
Ganz Deutschland? Da gibt es nicht erst seit gestern Fragezeichen. Ich hoffe sehr, dass Jena seinen mühsam erkämpften Ruf als weltoffene Stadt verteidigen kann.

Wie wichtig ist internationale Mobilität für die technologische Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, insbesondere in der Optik und Photonik?

Eine sehr schöne Frage! Wie wichtig Mobilität, das Lernen und das Arbeiten an anderen Orten sind, u.a. für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, das machen uns die Handwerker mit ihrer Tradition der Wanderschaft vor – seit dem Mittelalter! Um Meister zu werden, musste man auf die Walz; drei Jahre und einen Tag!
Übertragen auf die Photonik: Die ist ja sehr oft ein sog.
Enabler. Daraus ergibt sich, dass gerade dann die Chancen am größten sind, wenn man nicht nur Neues erfindet, sondern bislang unerkannte Anwendungsfelder entdeckt. Solche Entdeckungen werden nicht nur innerhalb der High-tech-Blase gemacht, sondern sind oft das Ergebnis eines kreativen Blicks auf gesellschaftliche Bedürfnisse und Herausforderungen. Ein paar Jahre Arbeit oder Studium in einer anderen Kultur kann dabei sehr hilfreich sein: Es inspiriert und eröffnet neue Blickwinkel.

Welche Verbindung sehen Sie zwischen einer offenen Gesellschaft und wissenschaftlicher Innovationskraft?

Autoritäre Regime führen fast zwangsläufig zu Korruption, Gängelung und mangelhafter Rechtssicherheit. Beides ist Gift für die Wissenschaft, aber bei Weitem nicht nur für die!
China scheint ein Gegenbeispiel zu sein: Zweifelsohne eine Diktatur, in der die oben genannten Merkmale mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt sind. Aber: einen Mangel an wissenschaftlicher Innovationskraft kann man China sicher nicht attestieren. Man wird sehen, wie es dort weitergeht.

Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler:innen in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung? 

Zunächst die eines jeden Bürgers: Wenn eine Demokratie stirbt, dann am Mangel an Demokraten.
Wissenschaftler sollten sich zudem privat wie öffentlich zu gesellschaftlichen Fragen, die eng mit Wissenschaft verbunden sind – ich denke an die Energieversorgung, das Klima und Corona – äußern und aufklären. Jeder von uns sollte ab und an daran denken, dass die Gesellschaft viel in unsere Ausbildung investiert hat, dass wir privilegiert sind und dass man etwas zurückgeben sollte.
Aber, ehrlich gesagt, viel Hoffnung habe ich nicht, dass die Wissenschaftler beim Kampf um unsere Demokratie einen Unterschied machen werden. Wenn Höcke in Thüringen an die Macht kommt, werden sich auch unter den Wissenschaftlern die meisten sehr schnell arrangieren.

Was müsste Politik tun, damit Deutschland für internationale Studierende und Forschende attraktiv bleibt?

Wir sollten nicht immer zuerst auf die Politiker deuten! Klar, das Ausländerrecht und die Bürokratie sollten so gestaltet sein, dass sich diejenigen, die wir ins Land holen wollen, willkommen fühlen. Aber mindestens genauso wichtig: Wir, die Bürger, müssen uns für die Bewahrung unserer offenen Gesellschaft engagieren! Wir müssen unseren ausländischen Kollegen und Studenten Wertschätzung zeigen und uns vor sie stellen, wenn sie angegriffen werden!
Im Übrigen ist es so, dass Deutschland dann attraktiv für internationale Studenten und Wissenschaftler ist, wenn es außer weltoffen auch wirtschaftlich stark ist. Da gibt es bekanntlich ein paar Hausaufgaben!
Neben diesen großen Baustellen gilt es, die Phrase von der „Wehrhaften Demokratie“ endlich mit Leben zu füllen. Man muss in Karlsruhe nicht gleich das Verbot der AfD insgesamt betreiben, aber man könnte endlich die gefährlichsten Personen und Landesverbände angreifen.

Welche Botschaft möchten Sie jungen internationalen Wissenschaftler:innen mitgeben, die derzeit unsicher auf Deutschland schauen?

Anlass zur Sorge gibt es in der Tat. Das kann nicht bestritten werden. Andererseits: Nach meinem Eindruck ist die Situation in Deutschland zumindest derzeit eine der besten in der westlichen Welt. Nutzt das! Wie es weitergeht, ist nicht vorherzusehen. Haltet die Augen offen!

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